Rippers

Die Wege des Herrn sind unergründlich

16. Mai 1892

Liebes Tagebuch,
dass Albträume mich heimsuchen ist durchaus keine Neuigkeit, aber in letzter Zeit häufen sie sich und ich kann mich nicht entsinnen je den gleichen Traum wieder und wieder geträumt zu haben.
In diesem Traum befinde ich mich in einem dunklen Raum ohne Türklinke. Das Gefühl von Panik überkommt mich als ich hoffnungslos versuche einen Ausweg zu finden. Alles kommt mir so…so groß vor, wie als wäre ich klein wie ein Kind. Von draußen dringen Kampfgeräusche und ich möchte nachsehen. Ich habe Angst herauszufinden was vor sich geht, doch als ich vor der Tür stehe, öffnet sie sich langsam. Bevor ich jedoch sehen kann was hinter der Tür vor sich geht falle ich in Ohnmacht und wache wieder auf.

Jedes mal wenn ich aus der Traumwelt in die richtige Welt zurück komme brauche ich einen Moment um zu realisieren, dass all das nur ein Traum war und fühle die Panik wie als wäre sie echt. Es beschäftigt mich sehr, aber ich möchte meine Teamkameraden nicht damit belasten. Ich möchte nicht, dass sie mich für verrückt halten. (Was an sich ja schon verrückt genug ist.)

Gleich nachdem ich aufwachte hat man mich darauf hingewiesen, dass wir zu Theodore Anderson’s Turnier eingeladen waren. Das war mir komplett entfallen und ich war ehrlich gesagt nicht sonderlich erpicht darauf den Mann zu treffen. Bei unserer letzten Zusammenkunft schien er mich nicht sonderlich zu mögen. Außerdem war ich müde und etwas schreckhaft aber der Tag erwies sich als ereignisreicher als gedacht.

Als wir zu Mr Anderson’s Anwesen kamen war ich überwältigt von der Größe des Anwesens und der Größe der Gesellschaft. Viele Männer und Frauen aus aller Welt waren zusammengekommen um dem privaten Turnier beizuwohnen. Ein großer Holzpavillion war für die Zuschauer aufgebaut worden und wir alle machten es uns dort gemütlich. Natürlich feuerten wir Hugh an, der beschlossen hatte bei dem Schießturnier mitzumachen. (Nikolai setzte sich freiwillig der Blamage aus, weswegen ich kein Mitleid mit ihm hatte.) Außer ihm nahmen noch drei Männer und eine Frau teil: Theodore Carper, Vivian Hall, Thomas Green und William Evans welcher letztendlich drei mal in die Mitte traf und somit das Turnier gewann. Hugh gewann – glaube ich – die wunderschöne Pistole als er den dritten Platz belegte. Ganz sicher bin ich mir leider nicht mehr, da ich durch den Schlafmangel und all der Aufregung ganz verwirrt bin…

Nachdem das Turnier vorüber war stellte uns Mr Anderson einen jungen Medizinstudenten vor. David Cook, ein möglicher Anwärter bei den Rippers, der derzeit in Aberdeen studiert. Doktor Warrington vertiefte sich sofort in ein Fachgespräch bei dem ich mich leider ausklinken musste, da ich nicht sonderlich viel davon verstand.

Ich wollte gerade zu Nikolai gehen um ihn darauf hinzuweisen, dass Vielweiberei eine Sünde ist als mir plötzlich etwas in die Tasche gesteckt wurde. Als ich nachsah fand ich einen Brief der mir einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Wenn ich nur daran denke wird mir wieder übel und klamm.
Mr Anderson hatte mir den Brief zukommen lassen und mich gebeten die Sache geheim zu halten. Ich fühle mich furchtbar Geheimnisse vor meinen Kollegen zu hüten, doch wenn Mr Anderson recht hat, muss ich so vorsichtig sein wie ich nur kann und früher oder später löst sich sein Verdacht vielleicht in wohlgefallen auf…
Wie in dem Brief empfohlen ging ich in die Waschküche, wo ich einen Dolch aus Kalteisen vorfand. Ein Geschenk von Mr Anderson um etwas zu meinem Schutz beizutragen. Wenn ich mir die Waffe so ansehe wird mir ganz übel. Sie steht für die Geheimnisse die ich nun vor meinen Gefährten hüte und ich weiß nicht, ob mir das gefällt.

Ich glaube, Nikolai hat etwas gemerkt, denn als ich aus der Waschküche zurück kam sprach er mich darauf an, dass ich zitterte und bleich war. Glücklicherweise konnte ich von mir ablenken, denn Willaim Evans der den ersten Platz gemacht hatte war auf Hugh zugekommen und hatte ihn für sein Können gelobt und ihn zum Essen bei sich zu Hause eingeladen. Außerdem lernten wir die vierzigjährige Minna Haas aus Österreich kennen, welche Mr Anderson schon länger kennt und als Chemikerin tätig ist.

Heute Abend erhielten wir außerdem ein Telegramm von Emil White. Ich weiß leider nicht, wie genau er mit uns in Verbindung steht (das organisatorische liegt mir leider überhaupt nicht…!), aber wir werden nun wohl nach Frankreich reisen müssen um dort weiteren Geheimnissen auf die Spur zu gehen. (Jetzt wo ich darüber nachdenke…White ist auch der Name der Verlobten von unserem Freund Hugh. Ob sie wohl verwandt sind?)
Morgen (17. Mai) werden wir abreisen und ich werde nun noch ein paar wenige Habseligkeiten packen.
Ich bin leider zu besorgt um mich auf das neue Land zu freuen…

19. Mai 1892

Es ist mitten in der Nacht. Wir sind gerade auf dem Weg nach Marseille und wieder einmal hat mich ein Albtraum heimgesucht. Derselbe. Schon wieder. Doch diesmal ging er ein wenig weiter.
Es war wieder dieser Raum, so groß und dunkel. Und wieder war da diese Tür. Aber diesmal verlor ich nicht das Bewusstsein. Stattdessen stand mir ein Junge gegenüber. Ich war ungefähr so groß wie er und er kam mir bekannt vor. Er war von oben bis unten mit Blut verschmiert. Was hat das nur zu Bedeuten…? Ist es eine Strafe Gottes für eine Untat die ich begangen habe…? Ich kann nicht schlafen…

21. Mai 1892

Wir sind noch immer auf dem Schiff. Heute saßen wir alle zusammen im Boardrestaurant als Hugh einfiel, dass er sich heute mit Mr Evans zum Abendessen treffen wollte. Hoffentlich ist er nicht wütend auf ihn…

24. Mai 1892

Heute sind wir in Arques angekommen. Es ist ein so winziges Dorf, noch kleiner als das in dem ich aufgewachsen bin. Maximal 150 Menschen leben hier und französisch ist solch eine lustige Sprache! Leider war das das einzig Amüsante das uns heute widerfahren ist. Inzwischen hatte ich erfahren, dass Emil White tatsächlich der Onkel von Miss White ist…oder war.

Wir waren zu der Mr White’s Anwesen gegangen, doch niemand hatte uns die Tür geöffnet. Nachdem wir einen Weg hinein gesucht hatten stellten wir fest, dass die Tür überhaupt nicht verschlossen gewesen war. Zwar gab es keine Anzeichen für einen Kampf, aber das erschien uns doch überaus merkwürdig. Wir hatten also beschlossen das Haus zu durchsuchen und waren dabei auf die Visitenkarte eines kleinen Bücherladens gestoßen. Wir beschlossen uns aufzuteilen, da Mr White nach mehreren Stunden des Wartens noch immer nicht zurück gekehrt war. Nikolai, Doktor Doyle und ich machten uns auf den Weg zu dem kleinen Bücherladen „Livres D’Arcanum“, während Hugh und Doktor Warrington die Polizeistation aufsuchten. Da der Buchladen geschlossen hatte beschlossen wir den anderen zur Polizeistation zu folgen, was eine gute Idee gewesen war, wie sich herausstellte, denn Kilian war der Einzige, der die Sprache der Franzosen beherrschte, während diese sich dahingehend weigerten ein bisschen Englisch zu sprechen. (Verrückt…!)
Letztendlich fanden wir heraus, dass Mr White verfolgt wurde. Leider konnten uns die Polizisten nicht weiter helfen was seinen Verbleib anging, doch er wurde wohl zuletzt in der Nähe der gemiedenen Kirche der Blanc-Font Familie gesichtet. Als ich Kilian darum bat zu fragen weshalb die Kirche gemieden wurde, bekamen wir die Antwort, dass dort wohl schwarze Magie vorherrschte.

Als wir zurück in das Anwesen kamen durchsuchten wir erneut das Anwesen, dieses mal gründlicher. Dabei fand Hugh das Tagebuch von Mr White in der Schublade seines Sekretärs. Es enthielt hauptsächlich Zeichnungen deren Landschaft große Ähnlichkeit mit der von Arques aufwies. Außerdem beinhaltete es eine Zeichnung, die dem Dämon Bahomet sehr nahe kam.

Wir versuchten unser Glück erneut im Buchladen während dieses mal Nikolai und Doktor Warrington zurück blieben um vor Ort zu sein wenn Mr White vielleicht doch zurückkehren würde.
Als wir dort ankamen fanden wir eine ältere Dame namens Madame Edith hinter der Theke vor, welche deutlich entsetzt darüber zu sein schien als wir ihr mitteilten, dass Mr White nirgendwo auffindbar war. Sie betitelte sich selbst als guten Freund von Mr White und erzählte uns, dass er sich für ein Buch mit dem Titel „The true history of the poor knights of Christ and the temple of Salomon“ interessiert hatte. Es handelt sich dabei offenbar um eine mitelalterliche Abhandlung die den Kult der Templer in Verruf bringt. Wir konnten dem Buch zudem entnehmen, dass die Templer Baphomet als ihren Gott verehren und dass er für sie der ‘Wegbereiter’ ist. Zudem wurde ein Ritual zur Beschwörung eines dunklen Gottes beschrieben das uns nun großes Kopfzerbrechen bereitet… Was noch viel schlimmer ist ist, dass in diesem Buch zwei alte Templerfamilien erwähnt werden: Hautepoul und Blanc-Font, wobei uns letzteres nun auch vertraut vorkam.
Letztendlich erwies sich die nette Dame nicht nur als durchaus hilfsbereit sondern auch als nützlich, denn sie erklärte uns wo sich die Kirche der Familie Blanc-Font befand bei der Mr White zuletzt gesehen wurde.

Leider ereilte uns dann heute Abend die schreckliche Nachricht in Form eines Telegramms: Mr White wurde erhängt in einem Hotel in Marseille aufgefunden…

27. Mai 1892

So vieles ist passiert, liebes Tagebuch, und ich finde kaum die Worte die ich benötige, um all das Schreckliche der vergangenen Tage niederzuschreiben. Ich fühle mich, als wäre es noch zu früh um davon zu erzählen, fühle mich respektlos und hilflos und doch weiß ich nicht, wem ich mich sonst anvertrauen soll ohne zu viel Preis zu geben…

In der Nacht des 25. Mais hatten wir uns dazu entschlossen uns auf den Weg zur Kirche der Familie Blanc-Font zu machen. In der Nähe der Kirche befindet sich ein Turm (an die 60 Fuß hoch) den wir zuerst unter die Lupe nahmen. Doch wir konnten nichts finden außer einem Schild das besagte, dass die Renovierungen des Turmes von der Familie Houtpoul durchgeführt wurde. Erneut ein Name aus diesem Buch.

Nikolai hatte unterdessen Ausgrabungswerkzeug gefunden mit dem wir in die Crypta vordringen konnten. Dort waren drei große Steinsärge vor langer Zeit zurückgelassen worden und ich half Nikolai einen davon zu öffnen, ohne darüber nachzudenken. Noch während ich ihm half fühlte ich mich plötzlich schwach und kränklich, wie als hätte man mir einen großen Teil dessen genommen, das mich ausmacht und mir wurde schlagartig klar, was für eine Sünde ich gerade begangen hatte. Ich hatte die Totenruhe gestört, eine Sünde die Gott nicht übersehen konnte und mir sofort einen großen Anteil meiner Kräfte raubte. Wie konnte mir so ein Fehler unterlaufen? Es ist unfassbar…die Geschehnisse der letzten Tage ließen mich nachlässig werden, zum Sünder und Frevler. Ich kann nur hoffen, dass Gott Gnade mit mir walten lassen wird…

In der Crypta hatten wir einen Tunnel vorgefunden den wir freigraben mussten. Letztendlich führte uns der Tunnel in einen großen kreisrunden Raum welcher in fünf weitere Tunnel mündete. Alles was wir in diesem hohen Raum vorfanden war eine Treppe nach oben, welche aber nirgendwohin führte, eine Säule mit der Inschrift „Seed of the head“ und eine Holzkiste welche ein altes, zerfallenes Buch , einen Silberdolch und eine alte, vergilbte Templerrobe enthielt.
Plötzlich ertönte dieses Geräusch aus allen Tunneln und Goliath wurde unruhig und regelrecht panisch. Er floh, und kurz nachdem er entkommen war gab es eine Explosion und der Tunnel den wir zuvor noch freigeschaufelt hatten wurde wieder verschüttet.

Ehe wir uns versahen waren wir umzingelt von zehn Gestalten die krabbelnd und schreiend auf uns zugekommen waren. Sie waren teilweise in alte Templerroben gekleidet. Ihre Haut war ledrig, ihre Augen waren pupillenlos und ein atemberaubender Gestank füllte den Raum. Es waren Männer und Frauen. Ihre Finger hatten keine Fingerkuppen und ihre Hände glichen Krallen. Noch nie hatte ich so etwas fürchterliches gesehen, doch ich hatte von diesen Wesen gehört: Ghule.

Ein Kampf entfachte.
…es fällt mir immer schwerer darüber zu schreiben…
Aber…Nikolai tötete einen von ihnen. Kaltes Eisen war wirkungslos gegen sie…
Ich weiß nicht mehr…
Ich glaube gleich nach dem ersten Verlust der gegnerischen Fronten begann diese Frau zu singen. Es ließ mir die Haare zu Berge stehen. Dank meines Wissens bezüglich des Okkulten und meinem Talent für Latein verstand ich sofort, was diese Frau sang: Sie beschrieb uns den anderen Gegnern. Natürlich teilte ich das sofort meinen Mitstreitern mit und Hugh schoss auf die Frau…ohne Erfolg. Die Kugel blieb einfach stecken.

Ich versuchte all meine Macht aufzubringen die mir geblieben war. Gott hatte mir nicht alles genommen und ich versuchte mich würdig zu erweisen. Ich glaube, ich hatte noch nie ein solch großes Wunder heraufbeschworen, doch auch dieser Versuch blieb erfolglos. Einer der Handlanger der Frau warf sich in das Schussfeld und schützte sie so vor jeglichem Schaden. Von dem Ghul selbst blieb nichts als Staub.
Doch um noch alles schlimmer zu machen erschienen über der Frau fünf geflügelte Wesen, welche keine menschlichen Züge mehr aufzeigten.

Meine Kameraden wurden verletzt. Sie alle kämpften um unser aller Leben mit allem was sie aufbringen konnten. Doktor Warrington tötete manche mit einer Feuerwelle. Hugh tötete zwei zugleich. Kilian und ich töteten einen nach dem anderen. Es sah gut aus. Wieso…wieso war das nicht genug? Das Blatt wendete sich…

Ich weiß nicht mehr, was genau passierte. Ich weiß nur, dass Kilian und ich diejenigen waren, die mit der bloßen Erschöpfung und einer leichten Wunde davon gekommen waren. Hugh wurde paralysiert…sein rechter Arm ist durch das Gift der Ghule erlahmt…der Arzt sagt es wäre nur temporär. Nikolai kam gerade so mit dem Leben davon. Er hatte einige Wunden, welche in der Summe wohl lebensbedrohlich hätten sein können. Ich war erschöpft und durch meine Sünde geschwächt…ich konnte nicht viel für ihn tun, außer die Blutung etwas zu stillen. Sein Leben war erst einmal sicher. Aber…

Aber Doktor Warrington. Wir…ich…wir waren zu spät…er lag auf dem Boden, so blass und ich konnte keinen Atem spüren. Wir hatten den Leichenstaub der ihm das Leben hätte retten müssen aber…aber es war nutzlos…

Unser geliebter Kamerad Doktor Edward Warrington verstarb in der Nacht des 25. Mais 1892.

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nadja_cerai

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