Rippers

26. Mai 1892: Ankunft in Marseille

Die Nacht zum 26. Mai 1892:
Dr. Doyle und ich studierten stundenlang die antiken Bücher, die wir gefunden haben. Leider kommen wir nur schwer voran. Zudem bin ich von dem Kampf noch sehr angeschlagen und kämpfe mit Erschöpfung und Schmerzen. Diese Wunden werden wohl ihre Zeit brauchen, um zu verheilen.
Nachdem Alexander, Nikolai und Wilhelm mit einer geflügelten, uns bereits bekannten, Kreatur zurückgekehrt sind, planen wir unser weiteres Vorgehen: Wir müssen schnell nach Marseille. Einerseits haben wir dort noch Dr. Whites Leichnam zu untersuchen und zu identifizieren, andererseits leitet uns der Brief von diesem Gerard Saint-Clair dorthin.
Nach einer kurzen Besprechung versuchen wir alle, uns etwas zu erholen.

Der Morgen des 26.05.1892:
Ich bin bereits seit 3 Uhr heute morgen auf den Beinen. Zuvor habe ich mich unruhig im Bett gewälzt, doch Schlaf war mir diese Nacht nicht vergönnt. Es waren nicht die üblichen Alpträume, die mich hin und wieder heimsuchen – es war etwas anderes. Vielleicht hat es mit all dem hier zu tun. Als ich den Wohnraum betrete, treffe ich dort auf Alexander – scheinbar treibt ihn die ganze Angelegenheit ebenfalls um. Wenigstens haben wir nun einander, um uns die Sorgen zum Teil von der Seele sprechen zu können. Trotzdem geht es mir nicht viel besser. Ich versuche, es nicht zu zeigen, doch die Erschöpfung –auch noch vom Kampf- sieht und merkt man mir leider an: Ich bin unkonzentriert und hoffe, dass ich wenigstens während der Zugfahrt eine Mütze voll Schlaf bekommen kann.

Nachdem später am Morgen auch die anderen unserer Unternehmung wach sind, bereiten wir alles für die anstehende Zugfahrt nach Marseille vor. Dieses Mal fahren wir alle in der ersten Klasse, da Dr. Doyle unseren Alexander eingeladen hat. Aufgrund der jüngsten Vorkommnisse ist es uns allen auch wohler, wenn wir zusammen bleiben.
Es ist eine gesellige Runde und für kurze Zeit vergesse ich die Sorgen, die mich wegen unseres Auftrags umtreiben. Unser Neuzugang Wilhelm scheint wohl genauso viel Spaß am Glücksspiel wie Nikolai zu haben: Sie starten eine Würfelrunde und die kurze Meinungsverschiedenheit über die Einsatzhöhe nachdem Wilhelm verloren hat erheitert mich. Ich bin sehr müde und gerade denke ich noch belustigt: „Eine ruhige Zugfahrt, bis auf Wilhelms angeschlagenen Stolz.“, dann fallen mir schon die Augen zu.
Ein paar Minuten – vielleicht 15- bekomme ich den dringend benötigten Schlaf, dann holen mich die Dämonen aus meinem Gedächtnis wieder ein: Altbekannte, aber auch Neue kommen hinzu. Sand, Mumien, geflügelte Dämonen, Schreie und Blut vermengen sich zu einem der schlimmsten Träume, die mich in jüngster Zeit heimgesucht haben. Ich wache verstört wieder auf und muss mich kurz in die Toilette zurückziehen, um mich zu beruhigen. Ich wasche mir das Gesicht mit kaltem Wasser ab und starre mich kurz im Spiegel an: „Herrgott, du siehst ja selbst aus wie eine dieser wandelnden Leichen!“, murmle ich kurz, trockne mich ab und kehre dann wieder zurück zu den anderen. Ich reiße mich zusammen, um kein unnötiger Ballast zu sein. Wir müssen weiter kommen und ich kann mir keine Schwäche leisten.

Am frühen Nachmittag kommen wir in Marseille an und steuern wie geplant sofort das Polizeirevier an, um dort in der Leichenhalle Dr. Whites Leichnam zu identifizieren. Da Nikolai gesucht wird, erklärt er, dass er lieber außerhalb des Gebäudes wartet. Alexander bleibt bei ihm – es sollte wie gesagt keiner allein bleiben.
Da ich mich als Angehöriger ausgebe (so ganz ist es nicht gelogen, da ich schließlich mit seiner Nichte verlobt bin), werden wir sofort in die Leichenhalle geführt und ein Toter wird uns präsentiert: Es ist tatsächlich Dr. Emil White, der Onkel meiner Verlobten. Ich schlucke kurz bei dem Gedanken, dass er mir doch näher steht, widme mich dann aber wieder der Arbeit. Schließlich hatte ich es schon oft genug mit Leichen zu tun – auch wenn sie meistens einige Jahrhunderte älter waren.
Wir befragen den Polizisten, bekommen jedoch nur die Antwort, dass der Leichnam erhängt in seinem Hotelzimmer gefunden wurde. Selbstmord – nichts neues. Wir sprechen unsere Zweifel jedoch laut aus und finden scheinbar Gehör, denn der Beamte erklärt sich bereit, Dr. Doyle als Mediziner näher hinsehen zu lassen. Er zieht das Leichentuch nun gänzlich vom Körper und die fragwürdigen Male an seinem Körper sind nicht zu übersehen: Quetschungen am Brustkorb, die von einem Seil, dass ihn gefesselt haben muss, herrühren könnten. Außerdem und das hat uns Dr. Doyle später persönlich erläutert scheinen die Blutergüsse am Hals deutlich zu gering auszufallen für jemanden, der sich erhängt hat. Wir stellen die Vermutung an, dass der arme Mann erst getötet werden musste und post mortem stranguliert, beziehungsweise aufgeknüpft wurde, um den Anschein zu erwecken, er hätte sein Leben selbst beendet.
Nach Feststellung dieser interessanten Informationen lassen wir uns jedoch nichts anmerken und bedanken uns für die Kooperation des Polizeibeamten. Wir informieren ihn nicht über unseren Verdacht, um uns nicht verdächtig zu machen. Jedoch bitten wir ihn noch, uns in dem Hotel anzumelden, in dem Dr. White seinen Tod fand. Noch einmal bedanken wir uns und marschieren sogleich los zu dem Hotel – schließlich gilt es, keine Zeit zu verlieren. Zuvor müssen wir aber erst Nikolai und Alexander einsammeln. Die beiden befinden sich nicht mehr vor der Polizeiwache, als wir selbige verlassen. Als sie wieder zu uns stoßen, bekomme ich nur den Satz „Danke für den Schnaps!“ von Nikolai und einen bitterbösen Blick unseres Priesters mit. Scheinbar hat da jemand die Zeche geprellt…
Beim Hotel angekommen führt man uns bereitwillig zu dem Zimmer, in dem Dr. White bis zu seinem Tod gewohnt hat. Wir sehen uns nur kurz um und stellen bereits etwas fest: Wir finden weißes Pulver auf dem Boden. Nikolai ist selbstverständlich wieder der Schnellste und denkt scheinbar, es wäre eine gute Idee, das Pulver zu kosten… Ich seufze und schüttle den Kopf. Aber immerhin bringt mich seine ungewöhnliche Herangehensweise darauf, dass das Pulver Blitzpulver sein könnte, welches beim Herstellen von Fotografien verwendet wird, denn es schmeckt laut Nikolai nach Schießpulver. Sofort wird die Vermutung nach einem Auftragsmord laut. Für diese schäbige Arbeit wird immerhin viel Geld bezahlt und der Auftraggeber hätte sicher gerne einen Beweis gesehen, bevor er sein Geld an zwielichtige Personen weiter gibt. Um mehr Informationen zu sammeln, befragen wir sogleich den Hotelmitarbeiter, der uns ins Zimmer geführt hat. Wir erfahren, dass er selbst den Toten in diesem Zimmer aufgefunden und gleich darauf die Polizei benachrichtigt hat. Ebenso erzählt er bereitwillig, dass insgesamt drei Polizeibeamte vor Ort waren und einer von ihnen Fotografien der Leiche und des Tatortes gemacht hat.
Es gilt weiterhin, keine Zeit zu verlieren: Wir bedanken uns herzlich für die Auskunft und nachdem Wilhelm eine Probe des Pulvers eingesteckt hat, verlassen wir das Hotel wieder. Wir steuern erneut das Polizeirevier an.

Es ist bereits 18 Uhr als wir dieses erreichen. Erneut warten Nikolai und Alexander außerhalb des Gebäudes (dieses Mal ermahnen wir sie jedoch, an Ort und Stelle zu warten). Ein älterer Beamter empfängt uns und stellt sich als Inspektor Rosso vor. Wir fragen ihn direkt, wer Fotos vom Tatort des vermeindlichen Selbstmordes von Dr. White gemacht haben möge – und siehe da: Er gibt uns sogar bereitwillig Auskunft. Ein gewisser „Laurent“, der hier ebenfalls als Polizist arbeitet, scheint sich privat sehr für Fotografie zu interessieren und hat vom Tatort Aufnahmen mit seiner Kamera gemacht.
Kurze Zeit später finden wir uns auch schon in dessen Büro im ersten Stock des Reviers ein und nachdem wir mit etwas Bargeld nachgeholfen haben, können wir uns bereits die Fotografien des Tatorts ansehen: Wir sehen den erhängten Leichnam des Dr. White – ein schauriger Anblick. Doch was wir ebenfalls erkennen können (oder eben nicht erkennen): Es steht kein Stuhl oder Tisch in der Nähe des Aufgeknüpften. Wir fragen uns also zurecht: Wie ist der Mann dort hoch gekommen? Wir fangen an, Laurent zu befragen, doch dieser zeigt sich nicht einsichtig. Er vertritt die Meinung, dass der Fall geklärt sei und zu den Akten gelegt wurde: Es war Selbstmord. Um uns nicht in verdächtige Diskussionen zu verstricken, lenken wir ein und widerrufen unseren Verdacht zum Schein. Wir bedanken uns uns verlassen anschließend die Polizeiwache, um draußen wieder auf Nikolai und Alexander zu treffen.
Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen, besprechen dort die neuen Information und verknüpfen sie mit den bereits vorhandenen. Schnell kommt der Verdacht auf: Hat Dr. White bei seinen Ausgrabungen zu viel erfahren und musste deshalb sterben? Uns kommt der Brief erneut ins Gedächtnis, der uns in die Hände gefallen ist. Der Absender war ein gewisser Gerard Saint-Clair. Und (und dies ist uns bisher noch nicht einmal ins Auge gesprungen!): Er besitzt einen Antiquitätenladen hier in Marseille, der sich „Gerard´s Antiques“ nennt. Sofort brechen wir dorthin auf.

Es ist bereits 19 Uhr und ich fühle mich zunehmend schlechter. Nachdem wir den Laden erreicht und Nikolai (etwas vorschnell) das Schloss geknackt hat, muss ich mich an Dr. Doyle wenden. Ich nehme ihn beiseite und schildere ihm meinen Zustand. Nach einer kurzen Pulsmessung und einem Blick in meine müden Augen bietet er mir eine Dosis Morphium an. Kurz betrachte ich die Spritze unschlüssig, dann stimme ich jedoch zu. Doyle verspricht mir, dass es intravenös besonders schnell wirken würde. Ich bedanke mich und bleibe einen Moment abseits stehen, bis meine Schmerzen und die Erschöpfung nachlassen und die Konzentration wieder steigt. Dennoch hoffe ich, bald meinen Schlaf nachholen zu können. Während ich mich etwas abseits durch den Laden bewege und mich umsehe, entdecke ich eine antike arabische Statue. Sie fasziniert mich und ich studiere gebannt die Inschrift auf der Tafel zu ihren Füßen.
Ich scheine etwas abzuschweifen, denn Dr. Doyle und Alexander müssen mich extra zu sich rufen. Sie haben einen interessanteren Fund gemacht: Eine Templerstatue, vermutlich aus dem 13 Jahrhundert, genau wie der Kopf, den Mr. Saint-Clair im Auftrag von Hautepoul untersuchen sollte. Sie ist etwa 30 cm hoch und massiv. Als wir Nikolai und Wilhelm ebenfalls dazu holen wollen, bemerken wir, wie die beiden Gauner die Kasse leer räumen. Alexander stöhnt genervt und es gibt einen kurzen Streit zwischen ihm und Nikolai, der das Geld schließlich aber wieder zurück legt.
Wir untersuchen die Unterlagen im Laden, doch es lässt sich nichts Aufschlussreiches finden. Der Schreibtisch und die Schubladen sind nur voll mit Unterlagen über uninteressante Verkäufe oder Begutachtungen von Fundstücken. Von einem der Schriftstücke erfahren wir allerdings, dass Mr. Saint-Clair über diesem Laden zu wohnen scheint. Ohne lange darüber nachzudenken, stürmen wir hinauf und bevor ich mich versehe, tritt Wilhelm auch schon die Tür ein. Ich versuche, schnell zu reagieren und den verschreckten Mann aus dem Bett zu zerren und fest zu halten, bevor er versteht, was vor sich geht und auf die Idee kommt, sich zu verteidigen. Während Dr. Doyle den verwirrten Mann befragt, halte ich ihm die Hände hinter den Rücken und zum Nachdruck meinen Dolch an den Hals. Wir müssen vorsichtig sein, immerhin scheint er in der ganzen Sache irgendwie mit drin zu hängen, hat er doch im Brief von „uns“ geschrieben, als er von der Öffnung der Tore zur Hölle schrieb. Schnell wird jedoch klar: Der Mann, den wir festhalten, hat Angst – und zwar nicht vor uns. Erst drohen wir ihm noch, dann versichern wir ihm, dass wir nur Informationen brauchen und ihm kein Leid antun werden. Kein Erfolg. Der Mann zittert am ganzen Leib und lässt uns mit angsterfülltem Blick wissen: „Mr. Hautepoul ist niemand, mit dem man sich anlegen sollte.“
Schließlich lassen wir von ihm ab, fesseln ihn aber zu unserer Sicherheit. Als Doyle damit gerade fertig ist, kommt Alexander die Treppen hinauf und wir erklären ihm, dass wir aus dem Mann nichts heraus bekommen. Er geht einen Moment in sich. Dann setzt er sich Mr. Saint-Clair stumm gegenüber auf einen Stuhl und starrt den Mann an. Ich stehe fragenden Blickes daneben und werde erst erleuchtet, nachdem der Priester den Blick von Saint-Clair abwendet und den Kopf schüttelt. „Ich komme nicht durch.“, höre ich und lasse mir anschließend erklären, dass Alexander durch Gottes Gnade die Fähigkeit erlangt habe, die Gedanken anderer Menschen zu sehen. Ich bin fasziniert. Wie ist so etwas möglich?
Doch er erklärt auch, dass die Gabe nicht immer funktioniert, erst recht nicht, wenn sein Gegenüber sich sträubt. Da fällt Doyle etwas ein. Er holt seinen Arztkoffer und zieht daraus hervor: Eine Morphiumspritze. Ich überlege kurz; ja, ich fühle mich tatsächlich um einiges entspannter nachdem er es mir verabreicht hat. Ich denke auch, dass das funktionieren könnte. Er verabreicht dem verwirrten Saint-Clair die Spritze und wir warten einige Minuten ab, bis das Mittel seine Wirkung entfaltet hat. Anschließend konzentriert sich Alexander wieder und diesmal scheint es funktioniert zu haben. Wir erfahren, dass er einen kurzen Blick auf die Gedanken des Mannes erhaschen konnte: „…Treffen an einem Turm.“ Diese Information hat er herausbekommen. Sofort geht uns allen, scheinbar zeitgleich, ein Licht auf: Der Turm in Arques! Ganz sicher sind wir uns noch nicht, doch die Indizien sprechen zu 90% dafür. Wir verlassen die Wohnung und schließen die demolierte Tür so gut es geht. Saint-Clair lassen wir sitzen – er wird mit dem Morphium auch im Sitzen gut schlafen und sich sicher auch selbst befreien können, wenn die Wirkung nachlässt.
Wir gehen wieder in den Laden, doch bevor wir ganz hinaus sich, sammle ich noch einige Bücher ein, von denen ich mir denke, sie könnten uns nützlich sein. Ich eile mit den Werken unter dem Arm zur Kasse, sehe hinein und – ich bin nicht überrascht. Nach einem kurzen wissenden Blick zu Nikolai öffne ich meine Brieftasche und lege die erneut fehlenden sieben Pfund in die Kasse – als Wiedergutmachung und Bezahlung der Bücher sozusagen. Ich vergewissere mich, dass das Geld dieses Mal auch in der Kasse liegen bleibt und wir verlassen gemeinsam den Laden – Nikolai und Wilhelm mit ein paar Gegenständen mehr, als sie den Laden betreten haben (aber ohne dafür zu bezahlen).

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_owly_

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